Nordostindien – ein Reisebericht

Nordostindien – ein Reisebericht


Unser Freund Fr. Stanislaus Chinliankhup hatte Ulla Ungricht und mich eingeladen, seine Heimat kennenzulernen. Wir sind mit ihm befreundet seit seiner Zeit als Priester in St. Matthias während des Promotionsstudiums in Deutschland.

Am 13. Januar morgens starten wir von Düsseldorf zu einer Flugreise über München und Delhi nach Guwahati in Assam in Nordostindien.
Stanislaus erwartet uns am Flughafen.
Sofort geht es weiter nach Shillong, der Hauptstadt von Meghalaja.

Hier sind wir für einige Tage zu Gast im Priesterseminar Ori- ens, an dem Fr. Stanislaus einen Lehrauftrag hat. Mit ihm lernen wir den Indischen Bundesstaat an der Grenze zu Bangladesch kennen.

Wir verstehen bald, dass wir nicht in dem Indien sind, das wir in Europa aus dem Fernsehen kennen. Nordostindien besteht aus sieben Bundesstaaten mit unzähligen Stämmen und Sprachen. Manche sind mehrheitlich christlich. In allen ist die Kirche die wichtigste Stütze von Bildung und Infra- struktur.

Das Zusammenleben der Menschen ist vom Verband der Familie und der Dorfgemeinschaft geprägt. Es gibt kei- nen Reichtum ja sogar viel Armut, aber zumindest auf dem Land niemanden, der sich nicht auf die Solidarität seiner Mitmenschen verlassen kann.

Nur 1 % der Grenze von Nordostindien verbindet das„Land der Sieben Schwestern“ mit „Mainland India“.

Wer jemals die Gelegenheit hat, den Nordosten zu besu-
chen, dem können wir das Museum der Salesianer in
Shillong empfehlen. Auf museumspädagogisch höchs-
tem Niveau kann man sich in Geschichte und Kultur ein-
führen lassen und außerdem von der Dachterasse einen tollen Blick über die Stadt genießen.

In Meghalaya sind wir unterwegs in einem Land mit beeindruckender Natur, die vom Gebirge und großem Wasserreichtum im Sommer geprägt ist. Hier sind die Niederschlagsmenge im Jahresmittel Weltrekord. Das häufige Hochwasser im angrenzenden Flachland von Bangla- desch hat hier seinen Ursprung.

Zu unserer Reisezeit im Winter ist es trocken und die Nächte sind für uns zentralheizungsverwöhnte Deut- sche eine kalte Erfahrung. Auch im Haus sind in den Höhenlagen stets eine dicke Jacke, Mütze und Schal angesagt. Dafür scheint immer die Sonne.

Der Preis der winterlichen Trockenheit ist allerdings viel Staub, der auf vielbefahrenen Straßen das At- men manchmal schwer macht. Auch das Autofahren ist in Indien selbst für Beifahrer ein Abendteuer.

Interessant ist, dass sich im Stamm der Khasi, der die Gegend mehrheitlich bewohnt, das Matriarchat bis heute erhalten hat. So ziehen traditionell die jun-

gen Männer ins Haus der Braut, die auch den Familiennamen weitergibt.

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Wir dürfen uns über Einladungen in Pfarrhäuser, Gebetsgemeinschaften zu Hause, Schwestern- konvente oder einfach freundliche Familien freuen, die uns gastlich aufnehmen.
Immer finden wir Zeit für ein gemeinsames Gebet.

Auf der Weiterreise mit dem Flugzeug nach Imphal im Bundesstaat Manipur begegnen wir dem Team von Missio, das die diesjährige Kampagne vorbereitet. Nordostindien wird das Beispielland 2019 sein. Fr. Stanislaus wird dabei als Botschafter seiner Heimat nach Deutschland kommen.

Wir sind zunächst Gast in der Pfarrei von Fr. Stephen in Sugnu im Bistum Imphal. Wir kennen ihn von der Fastenaktion 2018.

Frau Ungricht und ich werden von der Gemeinde mit größter Festlichkeit und Ehre empfangen. Mit einem tollen Kulturpro- gramm von Leuten aus der Gemeinde und den Schülerinnen und Schülern der Schule, die aus Schwalmtal gefördert wurde, beginnt unser Aufenthalt. Die örtliche Honoratioren halten An- sprachen und überreichen die Kleidung der Khuki, dem Stamm, der diese Gegend mehrheitlich bewohnt.

Wir sind uns bewusst, dass aller Dank, den wir empfangen ha- ben, auch denen gilt, die sich bei der Fastenaktion großzügig gezeigt haben. Wir geben alles Lob und alle Dankbarkeit mit Freude nach Schwalmtal und an alle Spender weiter.

Hier beginnt ein nicht endender Foto- und Selfimaraton. Fotos
mit uns beiden in jeder denkbaren Familienkonstellation, hun-
derte Hände sind in den nächsten Tagen zu schütteln, Kinder
werden gesegnet. Es ist Dank, aber sicher auch unsere exotische Erschei- nung. Ich überrage die meisten um Haupteslänge; auch das ist ein Foto wert.

Am Sonntagmorgen darf ich predigen. Die Hochzeit zu Kana ist an diesem Morgen das Evangeli- um: Es ist die Zusage von Gottes Fülle im Leben. Im Gottesdienst ist das heute gut zu spüren. Am Ende der Messe halten Eltern von Kindern, die durch die Aktion „Marias Mantel“ gefördert wurden, eine Dankesrede.

Weiter geht es nach Imphal.
Wir sind Gast im Haus für die Zusammenarbeit der Bistü- mer des Nordostens mit den Entwicklungshilfeorgamisatio- nen.
Für die Gäste von Missio gibt es am Abend eine Vorstel- lung nordostindischer Kulturtradition. Auch wir sind von Bi- schof Dominic Lumon (auch er war schon in Schwalmtal) eingeladen und beeindruckt von der reichen Tradition des Landes in Musik, Tanz und Theater.

Am nächsten Tag lädt uns Fr. Stephen ein zu einer Boots- fahrt auf dem Loktaksee.
Hier findet der Fischfang auf schwimmenden Grasinseln statt.

Unterwegs in Manipur werden wir überall gastlich aufgenommenen und dürfen neben dem Land auch die Menschen bei sich zu Hause kennenlernen.
Eine besondere Freude ist es für uns, Schwester Esther von den Bethany Schwestern aus Wald- niel zu Hause zu besuchen, denn sie ist gerade hier im Urlaub. Wir lernen ihre Familie kennen. Wie überall dürfen wir die örtlichen Spezialitäten kosten.

Wir nehmen Sie mit nach Imphal.
Auf dem Weg dorthin besuchen wir ein Denkmal für einige junge Männer, die bei einer Demonst- ration umgekommen sind. Das Denkmal steht für die Menschen hier für ihren Kampf um die eige- ne Identität der Stämme.

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Am nächsten Tag besichtigen wir Imphal.
Zunächst geht es zur Kathedrale, einem gelungenen modernen Bau mit 1000 Sitzplätzen.
Wir besichtigen den großem Markt. Hier haben seit 500 Jahren allein Frauen das Recht, Waren anzubieten. Männer dürfen nur kaufen.
Wir besichtigen das Gelände des alten Königspalastes, dessen Wurzeln auf die Zeit vor 2000 Jahren zurückgehen. Der erste König Manipurs wird hier noch immer als Gott verehrt.
Hier am Königshof entstand das Polospiel und wurde später von den britischen Kolonialherren nach England exportiert.
Wir sind beeindruckt von der Größe des Soldatenfriedhofes aus dem 2. Weltkrieg. Hunderte Sol- daten aus dem gesamten Commonwealth sind hier beigesetzt. Mir werden noch einmal die Di- mensionen dieses schrecklichen Krieges bewusst.

Am nächsten Morgen geht es mit Fr. Stanislaus in seine Heimat nach Moreh.
Fr. Stephen und Sr. Esther sind dabei. Die Kleinstadt liegt an der Grenze zu Myanmar.
Wir fahren dorthin durch eine wunderschöne Gebirgslandschaft. Bis wir unser Ziel erreichen, passieren wir drei Kontrollposten, die äußerst freundlich unsere Pässe begutachten und unsere Einreise ins Grenzgebiet registrieren.
Ein Grund ist die angespannte politische Lage im Nordosten. Die Zentralregierung möchte Indien zu einem hinduistisch geprägten Staat machen und vernachlässigt die christlich geprägten Stam- mesgebiete im Nordosten. Bei Protesten kam es in der Vergangenheit auch zu Gewalt. Augen- scheinlicher ist aber der umfangreiche Warenverkehr über die Grenze mit Billigprodukten, der hier eingedämmt werden soll.

In Moreh sind wir Gäste der Pfarrei.
Ein indisches Pfarrhaus hat immer ausreichend Gästezimmer, denn Reisen ist hier eine langwie- rige Angelegenheit jenseits einer Infrastruktur, wie wir sie in Europa kennen.
Gastfreundschaft ist lebenswichtig.

Der Abend ist eine große Freude für uns. Wir sind einladen bei Fr. Stanislaus zu Hause.
Das einfache Haus ist gefüllt mit seiner großen Familie und Freunden, vor allem aber mit vielen Kindern und jungen Leuten, die aus Schwalmtal durch „Marias Mantel“ mit einem Stipendium zum Schulbesuch oder für eine Ausbildung gefördert wurden und werden.
Wir singen und beten zusammen und werden wieder mit Schals und Kleidung mit Mustern der örtlichen Tradition geehrt.
Alle Ehre und Dank geben wir auch hier weiter an alle Wohltäter für die jungen Menschen in Ma- nipur. Und wir bitten alle, das wichtige Anliegen wei-
terhin zu unterstützen.

Wir haben verstanden, dass Bildung der Schlüssel für die Zukunft der Menschen und der ganzen Gesell- schaft hier ist. Kirche macht diese Bildung auch für alle zugänglich. Allein so können die große Armut und oft Hilflosigkeit vor Ort überwunden werden.

Am nächsten Morgen kann Fr. Stanislaus seinen 15. Weihetag in der Kirche feiern, in der er damals zum Priester geweiht wurde. Es ist ein unvorhergesehenes Geschenk für ihn, gerade heute hier zu sein.

Wegen des bevorstehenden Republic Day am 26.1. ist die Grenzpolizei etwas angespannt. Ausländer dürfen nicht nach Myanmar reisen. Den Markt auf der anderen Grenzseite dürfen wir allerdings besuchen und tun dies ausgiebig. Es ist ein wenig wie Outletcenter jenseits der Gren- ze auf indisch.

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Wir fahren zurück nach Imphal. Zum Abendessen sind wir im Bischofshaus.
Der nächste Tag ist der Beginn unserer Rückreise.
Wir verabschieden uns von Fr. Stephen und Schwester Ester.
Es geht nach Guwahati, der größten Stadt Nordostindiens. Wir sind Gast im katholischen Sozial- zentrum für den Nordosten.

Am Abend erleben wir auf dem Brahmaputra, der die Stadt durchfließt, eine Bootsfahrt mit kultu- rellem Programm von Assam, einer mehrheitlich hinduistisch geprägten Gesellschaft.

Am letzten Tag unserer Reise besuchen wir Ordensschwestern, die sich vor allem um Jugendli- che kümmern, die aufgrund schwieriger Verhältnisse keinen Schulabschluss haben. Sie werden hier auf die Prüfungen vorbereitet.
Anschließend besichtigen wir eine Bildungseinrichtung der Salesianer für junge Leute, deren Fa- milie sich eine Ausbildung ihrer Kinder nicht leisten kann. Die hohe Qualität beeindruckt uns.
Hier wird alles geleistet vom Aufbau dörflicher Schulen bis zur Ausbildung zur Flugbegleiterin und vielen anderen Berufen.

Nachdem wir noch einen hinduistischen Tempel besichtigt haben, geht es zum Flughafen.
Wir verabschieden uns von Stanislaus dankbar für eine beeindruckende Erfahrung in seiner Hei- mat. Am 27.1. landen wir nach einem langen Tag mit anschließendem Nachtflug müde und mit reicher Erfahrung beschenkt in Düsseldorf.

Herzliche Grüße nach Schwalmtal

Thorsten Aymanns, Ulla Ungricht und Fr. Stanislaus

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